Softwaretechnologie für die Finanzwelt

Man stelle sich einmal vor die Banken würden die Telekommunikation und das Internet organisieren. Mit Sicherheit würde da nichts mehr funktionieren, da die Banken keine Methodik und wohl auch kein Interesse haben, freie Märkte zu schaffen und geeignete komplexe Systeme zu implementieren und zu betreiben. In der IT Industrie herrschten vor etwa 30 Jahren ähnliche Zustände wie in der Bankenwelt heute. Viele Unternehmen wie IBM, DEC, Bull, Siemens, Nixdorf … versuchten ihre proprietären Systeme am Markt mehr oder weniger erfolgreich durchzusetzen. Der Kunde konnte weder Hardware noch Software austauschen oder die Produkte verschiedener Firmen verwenden. IBM hat damals als erste Firma erkannt, dass die Standardisierung der Produkte und die Schaffung standardisierter Schnittstellen zwischen den einzelnen Teilen des Systems immense Vorteile für die Kunden aber auch für den Hersteller bringt. Die IBM /370 Systeme haben deshalb lange Jahre der Firma IBM zur Marktbeherrschung und zum Aufstieg zum Marktführer verholfen. Als dann die neue Technologie des Personal Computers aufkam und Gründer wie Steve Jobs und Bill Gates das Produkt Computer viel billiger anbieten konnten, schlug IBM mit der Standardisierung des PCs zurück und hatte sofort Erfolge am Markt mit der offenen Personal Computer Architektur, die vielen Hardware- und Softwareherstellern erlaubte, ihre Produkte weltweit anzubieten. Die Entwickler bei IBM haben diese Strategie aus Geldmangel gemacht, da sie weder die erforderlichen Entwickler noch das Geld hatten alle notwendigen Komponenten selbst zu entwickeln. Das höhere IBM Management versuchte dann aber den PC wieder proprietär zu machen – schließlich war man damit beim System  /370 erfolgeich gewesen (im Top Management sitzen immer die Alten) und ist damit kläglich gescheitert. (Der Firma Apple steht ein ähnliches Schicksal noch bevor).

Durch die offene Architektur des Personal Computers und später des Internets wurde mit dem World Wide Web (WWW) die komplexeste Infrastruktur für weltweite Kommunikation und Handel geschaffen, die sich Menschen je ausgedacht haben.

Parallel zur standardisierten Hardware wurden Technologien für Software entwickelt, mit denen man komplexe Systeme (zumindest meistens) entwerfen und im Betrieb handhaben kann. Das Geheimnis ist strukturierte Software und Hardware, die über genormte Schnittstellen miteinander kommuniziert. Alle Schnittstellen werden offengelegt und von Experten (nicht EU Bürokraten) definiert. Mit diesen Bausteinen kann man neue Systeme für neue Anforderungen relativ schnell zusammenstellen. Heute kann ein einzelner Mensch einen Internet Shop in weniger als einem Tag aufsetzen. Ohne Standardisierung bräuchte man hierfür etwa 100 Entwickler und etwa 3 Jahre. Dieses Prinzip wurde schon lange von der deutschen Maschinenbau Industrie angewendet. Die Deutsche Industrie Norm DIN hat der deutschen Industrie zum Sieg über die einst führende aber proprietäre englische Maschinenbauindustrie verholfen und die Grundlage für die deutschen Exporte gelegt.

Das Problem der Finanzwelt ist, dass komplexe Systeme fast ohne Standardisierung aufgebaut werden. Das einzige Finanzsystem, das ähnlich wie das Web weltweit funktioniert, ist das System der Kreditkarten. Hier arbeiten auch viele Banken ähnlich wie IT Unternehmen zusammen  (z.B. VISA)

Die EURO Zone hat es vielen Jahren zumindest zu einem einheitlichen Überweisungssystem gebracht. Das zeigt aber deutlich, dass sich staatliche Stellen nicht mit Details befassen sollten sondern nur die Rahmenbedingungen vorgeben sollte. Zur Zeit entziehen sich die Banken und andere am Finanzmarkt tätige Unternehmen der staatlichen Kontrolle indem sie immer neue und undurchsichtigere Produkte ( z.B. Strukturierte Produkte) erfinden. Während Form und Größe der Gurken in der EU vom Staat geregelt werden, gibt es sehr wenig standardisierte Produkte in der Finanzwelt. Damit können die Kunden Leistungen und Preise nicht vergleichen und man kann die „Märkte“ nicht transparent machen. Es ist z.B. nicht einsehbar, dass es für so einfache Dinge wie Privathypothek, Lebensversicherung, Sparvertrag, Firmenkredit, Staatsanleihe usw keine standardisierten Produkte gibt. Der Staat sollte die Banken zwingen solche Produkte zu schaffen, damit Märkte geschaffen werden. Für nicht standardisierte, spekulative Produkte sollte es Privatpersonen und und Unternehmen nicht mehr erlaubt sein, Verluste von der Steuer abzusetzen und Gewinne sollten anders als heute als Spielgewinn hoch besteuert werden.

Die Systeme der Banken könnten dann ähnlich wie IT Systeme geprüft und verifiziert werden. Sicher kann man das nicht von heute auf morgen einführen. Wichtig ist aber, dass man die Notwendigkeit standardisierter Produkte auf den Finanzmärkten erkennt und beginnt wichtige Produkte und Systeme im Markt zu definieren. So könnte man große Teile des Finanzmarktes den Spekulanten entziehen und das System dadurch stabilisieren. Erfolgeiche Beispiele aus der Industrie (DIN, VDE, WWW …) und Experten wie man so etwas macht gibt es ja genügend. Auch bei den Banken gibt es genügend Spezialisten, die wissen wie man komplexe IT Systeme baut (Auf der Chefetage haben die aber nichts zu sagen). Leider sitzen Experten für die Standardisierung nicht im Bundestag sonst hätte Herr Schäuble wenigstens einige Hinweise bekommen, wie man die Finanzmärkte in den Griff bekommt und nicht mit großen Augen jeden Tag vor eine neuen Überraschung steht. Es liegt an den Wählern ob sie bei der nächsten Bundestagswahl auch einige Experten für Organisation und Technologie in den Bundestag bringen. Auf den Listen der Parteien sieht es da nicht gut aus (z.B. Frau Homburger, Technologieexpertin der FDP). Da wird es wohl Freie Abgeordnete brauchen.

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