Jugend musiziert – aber nicht lange

In Stuttgart findet zur Zeit der Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ statt mit 2300 Jugendlichen, die es in die Endausscheidung geschafft haben. Diese Flut von jungen, gut ausgebildeten jungen Musikern ist das Produkt einer Musikerziehungsindustrie, die ihre Betreuungsangebote vom Baby bis zur Bahre ausgeweitet hat und exponentiell neue Musikerzieher produziert. Jung und Alt darf dann mit Klangstäben zumindest den Takt mitklopfen oder im Altersheim die Klangshalentherapie eines akademisch ausgebildeten Profis genießen. Schließlich ist Musiker noch immer ein Traumberuf vieler deutscher Mittelschicht Eltern (die sich ein frei stehendes Eigenheim zum protestfreien Üben leisten kann), die dann keine Unkosten scheuen, ihre Kinder zu Künstlern ausbilden zu lassen.

Mit dem Aufblühen dieses pädagogischen Industriezweigs ist eigenartigerweise ein Niedergang der Musikhörer und Musikvereine verbunden. Bei Aufführungen von Opern und klassischen Konzerten besteht das Publikum fast nur aus „Weißkopfadlern“, die diese Art von Musikpraxis wohl nur noch wenige Jahre genießen können. Ab und zu sieht man auch einige Jugendliche, die von Oma und Opa eine der mit mehreren hundert Euro subventionierten Karten erhalten haben, und an den Aufführungen relativ ratlos teilnehmen. Alle Opernhäuser und Konzertveranstalter versuchen mit wenig Erfolg, die Jugend für ihren Geschäftsmodell zu begeistern. Führt man bei Konzerten moderne Stücke auf (die meist weder die alten noch die jungen Zuhörer schätzen) bleiben sofort die Weißkopfadler weg. Die Jungen gehen sowieso lieber für teuer Geld in eines der nichtsubventionierten Popkonzerte, von denen der Kultusminister meist gar nicht weiß, wo und wann diese stattfinden.

Bei Klassik ziehen nur die Marken Bach, Haydn, Mozart usw verläßlich Publikum an.  Trotzdem gibt es in Deutschland noch immer 133 von Staat subventionierte Orchester, das sollen über 50% der weltweit existierenden Orchester sein. Dazu gibt es 84 Opernhäuser, in denen oft nicht Belcanto sondern Knödler zu Gast ist. Zum Glück werden nur einige der über hundert modernen Opern, die jedes Jahr in Deutschland komponiert werden, aufgeführt. Ganz so toll wie die Orchesterleiter und Musiker meinen, sind die Leistungen meist nicht, obwohl das Publikum viel und gern klatscht. Viele der Musiker kommen aus dem Ausland, weil es in ihrem Heimatland oft gar keine Stellen für fest besoldete Musiker gibt. (Mein Sohn erinnert sich heute noch gerne an seinen ersten Opernbesuch mit „Entführung aus dem Serail“, bei dem sowohl Konstanze als auch Blondchen mit entzückender Perücke, aus dem Reich der aufgehenden Sonne kamen.) Bei der Bewerbung um die raren Stellen an den Musikhochschulen sind meist die Ausländer wesentlich besser. Ohne Quoten für deutsche Studenten wären die sehr guten Musikhochschulen fest in ausländischer Hand.

Der klassische Musikbetrieb wird massiv vom Staat gefördert, während die Pop Musikszene der Jungen keine Übungsräume zur Verfügung gestellt bekommt und sich meist selbst das Spielen der Musikinstrumente beibringt. Bei manchen Musikrichtungen reichen ja auch drei Griffe auf der Gitarre aus um einen Welterfog auf YouTube zu landen. Da spart man sich das POP Opernhaus.

Trotz diser Flut von organisierter klassischer Musikausbildung stirbt im ganzen Land die praktische Musikausübung durch Laien aus. Gesangsvereine könne oft nicht einmal mehr ein Quartett beim Ableben ihrer Mitglieder stellen. Die vielbeschworene „Hausmusik“ gibt es nicht mehr, da die Zuhörer sich „ihre Musik“ lieber ganz individuell von ihrem iPOD reinziehen. Amateure haben praktisch keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Selbst kleine Stadtorchester werden heute von „Kleinprofis“ mit Hochschulausbildung dominiert. Laien können da nicht mithalten. Das war im 19. Jahrhundert zur Blütezeit der deutschen Romantik noch ganz anders. Ohne Dilettanten waren Opernauffführungen in den meisten deutschen Städten gar nicht möglich gewesen.

Das Resultat unserer Musikförderung: Die vielen oft recht gut ausgebildeten Laienmusiker stellen meist nach dem Abgang von der Schule ihre musikalischen Bemühungen ein. Die ganze Ausbildung war damit zwar nicht umsonst aber vergeblich. Der Kulturinfarkt ist offensichtlich ganz nahe. Dabei ist zu beachten, dass nicht die Kultur dem Infarkt nahe ist, sondern deren Konsumenten und Ausübende. Ein Aufschrei geht nun durch das Land, da der gesamte Kulturbetrieb seine Existenz in Frage gestellt sieht. Interessant war hier zum Beispiel ein Beitrag in der Zeit, in dem zugegeben wurde, dass ein Großteil des Betriebs nicht mehr sinnvoll ist. Genial war dann die Begründung warum man totzdem wie gewoht weiter machen sollte. Wenn man die Kulturförderung jetzt zurückfahren würde, könnte man sie später, wenn man feststellt, dass man sie doch braucht, nicht wieder hochfahren. Also ganz ähnlich wie bei Atommeilern. Klingt doch irgendwie schlüssig.

PS: Wenn Sie glauben, dass Musikerzeihung ihrem Kind auch im sonstigen Berufsleben hilft, sollte es Folk- oder E-Gitarre lernen. Bill Gates, Steve Jobs u.v.a Silicon Valley Größen spielten mit ihren Kumpels Gitarre. Für eine Karriere in der Businesswelt ist Ukele besser geeignet, wie das Beispiel Warren Buffet zeigt, der als Amateur sogar in einer chinesischen Fernseh Show auftreten konnte.

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