Schulpolitik in Baden-Württemberg – Irrungen und Wirrungen

Die Bundesländer verteidigen vehement Bildungspolitik als eines der wenigen Gebiete in der föderalen Republik, bei denen die Länder noch wirklich das Sagen haben. Dieses Gebiet eignet sich deshalb besonders gut, die Leistungen der Landesregierungen zu beurteilen. Man sollte meinen, dass deshalb besonders darauf geachtet wird, dass der Kultusminister wirklich von seinem Fach etwas versteht oder zumindest auf seine Fachleute im Land hört. Die CDU Kultusminister – Minister für Kultus (Jugend) und Sport – der letzten 30 Jahre in Baden-Württemberg (1984 zogen zum ersten Mal 8 Frauen in den B-W Landtag ein!)

Der Kultusminister Mayer-Vorfelder verstand sich als Minister für Sport und als rechter Flügelkämpfer der CDU, der sich vorallem um „alte Burschenherrlichkeit“, Zwergschulen und rechte Bildungsinhalte kümmerte. Bedient wurde vor allem die konservative Bürgerschicht, die möglichst wenig am System ändern wollte. Dem Sportminister MV waren die Schulen eher lästig und wurden weitgehend sich selbst überlassen. Berühmt war MV für das Aussitzen diverser Affären und für seine „Geschäfte“ auch nach seiner Zeit als Minister. Als MV als Kultusminister nicht mehr haltbar war, wurde er zum Finanzminister befördert und vor der Landtagswahl 1992 durch Marianne Schultz-Hector ersetzt, die als ehemalige Elternvertreterin die erzürnten Eltern im Land beruhigen sollte, da bekanntlich Wahlen ja gern wegen der Schulen verloren werden. Frau Schultz-Hector hatte natürlich keine Hausmacht in der CDU und gab 1995 auf. Als bemerkenswerte Tat bleibt wohl nur die Einführung des freiwilligen 10. Schuljahrs in der Hauptschule (ein CDU typischer Kompromiss)  in Erinnerung.

Nachdem die Schulszene in Baden-Württemberg über Jahrzehnte vernachlässigt wurde übernahm Annette Schavan das Amt des Kultusministers. Hier konnte nur noch Beten helfen und da war sie als Theologin qualifiziert. Frau Schavan inszenierte nun ein Dauerfeuer von Änderungen im Schulsystem, die weder von der Lehrerschaft, den Eltern noch von ihrer Partei unterstützt wurden. Sie erreichte aber, dass nun viel über die Schule gesprochen wurde. Annette Schavan und die CDU verfassten wunderschöne Grundsatz Papiere z.B. Aufbruch in die lernende Gesellschaft (CDU Grundsatzpapier 2000), deren Forderungen in der Fläche nicht umgesetzt wurden. Eine große Zahl von Schulversuchen und Organisationsformen wurden ausprobiert, sodass am Ende der Ära Schavan 2005 ein Bildungs-Flickenteppich in Baden-Württemberg entstanden war.  Der farblose Minister Helmut Rau versuchte nun das Erbe von Frau Schavan anzutreten und Teile ihrer Pläne zu realisieren (es war nicht unbedingt sein Fehler, dass er nicht alle Neuerungen verstanden hat). Dabei trat er von einem Fettnäpfchen ins andere und wurde 2010 wegen der drohenden Wahlen in 2011 von Marion Schick, einer Quereinsteigerin, ersetzt, die nun keine Akzente mehr setzt sondern nur mit allen möglichen Kompromissen die Ruhe vor der Landtagswahl sichern soll. Dies scheint sogar einigermaßen zu gelingen, da sie sich in der Aussendarstellung wesentlich geschickter verhält als Helmut Rau. Gearbeitet wird natürlich vor der Landtagswahl nichts mehr.

Nun fragt man sich warum die Bürger in Baden-Württemberg nicht früher gegen das Tohuwabohu in der Bildungspolitik protestiert haben. Das wesentliche Strategie zur Beruhigung speziell der CDU Wählerschaft sieht man in der folgenden Statistik, die den  Anstieg der Abiturienten in Baden-Württemberg zeigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die  Abiturientenzahlen wurden in den letzten dreißig Jahren mehr als verdoppelt. Dies wurde durch Ausbau der Gymnasien im Land aber auch durch Verringerung des Niveaus in den Gymnasien erreicht. In den Hochzeiten der Schavan Aera konnte man sein Abitur mit Theologie und Sport als Leistungsfach ablegen. Die „bürgerlichen“ CDU Wähler waren zufrieden, da fast alle ihre Kinder nun das Traumziel Abitur erreichen konnten und danach auch als Lehrer an den wachsenden Schulen weitermachen konnten.

So weit so gut. Für die nächste Zeit ergeben sich aus dieser Strategie aber einige wesentliche Probleme

  1. Das Niveau ist vor allem in der Spitze in den Gymnasien gesunken und in der Folge müssen auch die Universitäten ihr Niveau absenken. Nun sind in einer Volkswirtschaft aber die Spitzenkräfte entscheidend für den Erfolg. Nur wenige Studenten trauen sich noch ein anspruchvolles technisch-naturwissenschaftliches Studium zu beginnen.
  2. Die Zahl der mittelmäßigen Abiturienten und damait auch die Zahl der mittelmäßigen Absolventen der Universitäten steigt unverhältnismässig an. Diese B-Performer werden in Zukunft nicht mehr vom Arbeitsmarkt aufgenommen werden. In wenigen Jahren wird Deutschland die gleichen Probleme der Akademikerarbeitslosigkeit haben, wie zur Zeit die Mittelmeerländer. Dieser Effekt wird in Deutschland zum Glück durch geburtenschwache Jahrgänge etwas verzögert.
  3. Hinter dem Gymnasialzug hängen die weniger erfolgreichen Schüler (das sagt nicht unbedingt etwas über ihre Fähigkeiten aus) immer weiter zurück und immer mehr Schüler schaffen mit zu geringer Qualifikation den Übergang in ein erfolgreiches Arbeitsleben nicht.

Alle Parteien verschließen die Augen vor den Problemen der Jugendlichen und versuchen hauptsächlich die Probleme durch mehr Kindergärten (und Betreuerinnen), frühkindliche Erziehung (möglichst dreisprachig usw) zu lösen. Diese Kinder werden aber allenfalls in 25 Jahren positive finanzielle Beiträge in der Gesellschaft leisten können. Die wesentliche Frage wird sein, wie die Gesellschaft die vielen Rentner, Hartzer, Niedriglöhner und Millionen von Jugendlichen in dubiosen Ausbildungsgängen in den nächsten 20 Jahren finanziert, wenn die Löhne sinken, die Gemeinschaftssteuern dadurch zurückgehen und ein wachsender Teil der Steuern für den Schuldendienst von Bund und Ländern benötigt wird. Aber wie heißt es doch so schön „Über Geld spricht man nicht – Geld hat man“ . Zumindest vor den Wahlen wagt keine Partei eine ehrliche Bilanz der Kulturpolitik – die Wähler aber anscheinend auch nicht. Hauptsache mit den Schulden vom Finanzkrisenpaket wurden die Dächer und die Toiletten der Schulen repariert. Das müsste für die Landtagswahl in Baden-Württemberg wohl reichen.

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