Neue Arbeitsplätze durch Stuttgart 21?

Politische Entscheidungen werden heute gerne damit begründet, dass durch Geldausgaben für irgendwelche Projekte Arbeitsplätze geschaffen werden. Das stimmt sicher für die ausländischen Bauarbeiter, die als billige Helfer auf den Baustellen eingesetzt werden. Fraglich ist es schon für höherwertige Jobs beim Bau. Die Zahl der Spezialisten in der Region und aus der Region läßt sich kurzfristig gar nicht erhöhen. Das sieht man schon daran, dass die oft zitierten S21 Gutachten in der Schweiz, in München oder Karlsruhe gemacht werden und dass sofort bei Beginn der Baumaßnahmen Fehler auftreten, weil es an geschulten Planern und Projektleitern fehlt. Das ist ja kein Wunder da in Stuttgart seit Jahrzehnten keine größeren Investitionen in die Bahninfrastruktur gemacht wurden, Den Bereich der Wunschträume betritt man dann, wenn durch Stuttgart 21  nach Angaben der Befürworter 10 000 neue Dauerarbeitsplätze im Land neu geschaffen werden sollen. Wo und wie diese Arbeitsplätze entstehen sollen ist volkommen schleierhaft. Aktuell verliert Stuttgart sogar hochwertige Arbeitsplätze im Vergleich zu Frankfurt und München (Statistik der Bundesagentur für Arbeit). Viele dieser Arbeitsplätze werden von Stuttgart ins Umland verlagert. Die IBM Zentrale Deutschland ist bereits von Stuttgart nach Ehningen umgezogen. Bosch plant seine Entwicklung auf der grünen Wiese bei Renningen zu konsolidieren. Dort gibt es genügend Platz für 40 € / qm. Dies wird zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen in Stuttgart führen. Daimler wird Entwicklung und Forschung in Sindelfingen konsolidieren (und zahlt auf Jahre hinaus keine Gewerbesteuer an die Stadt Sindelfingen wegen der hohen Verlustvorträge aus dem Chrysler Abenteuer).

Die Träume, aus Stuttgart ein florierendes Zentrum der Banken- und Versicherungswirtschaft zu machen, sind wohl ausgeträumt. Allein die Börse Stuttgart mit 200 Mitarbeitern ist eine kleine Erfolgsstory kann aber den massiven Stellenabbau bei der LBBW und den Versicherungen alleine nicht kompensieren. Den in Stuttgart stark vertretenen Bausparkassen geht es demnächst auch an die Substanz, da das lange Jahre erfolgreiche Bausparmodell uninteressant geworden ist. Wer spart schon jahrelang an um dann einen Kredit mit 5% Zins zu erhalten, wenn er einen normalen Hypothekenkredit bereits für 4 % bei der Bank erhalten kann? Die vielen frei werdenden Büros sind für kleine Start Ups viel zu teuer. Die ziehen lieber z.B. in die billigen Baracken des Softwarecenters Böblingen.

Stuttgart ist für Neuansiedlungen ausländischer Firmen uninteressant geworden, da die Technische Hochschule Stuttgart systematisch demontiert wurde und vorwiegend Landesgelder in die Erhöhung der Studentenzahlen in den „weichen“ Fächern und in den Ausbau der dezentralen Fachhochschulen gesteckt wurde (was ja gar nicht so schlecht ist und dem lokalen CDU Abgeordneten sehr geholfen hat. Nicht vergessen – Erwin Teufel kam ja auch vom „Verwaltungsschüle“ in Haigerloch und konnte Akademiker nie leiden.) Wegen der erstklassigen Soziologie Studenten in Stuttgart wird sich wohl keine ausländische Firma in Stuttgart ansiedeln. Im Moment schafft es die Universität Stuttgart nicht einmal in die Klasse der Exzellenz Universitäten in Deutschland zu kommen.

So ist es nicht verwunderlich, dass z.B. Google sein zentrales europäisches Forschungslabor in Zürich und den deutschen Ableger in München aufgebaut hat. Die bayrische Landesregierung hat aber im Gegensatz zu den Baden-Württembergischen Betonwerkern massiv in Hochschulen und Spitzenforschung investiert. Für die Stuttgarter „Käpsele“ macht aber S21 viel Sinn – sie können damit ihre Hightech Arbeitsplätze in Zürich und München (jeweils mit total veralteten Kopfbahnhöfen) 20 Minuten schneller als heute erreichen. Das klappt aber auch nur weil die Schweizer Bahn für 1 Milliarde € neue Züge für die Gäu-Bummelbahn-Strecke anschaffen will.

Für die durch S21 frei werdenden Flächen im Talkessel bleibt wahrscheinlich nur die Nutzung durch Altersheime (die einzige Wachstumsindustrie in Stuttgart). Selbst der von der Firma Häussler propagierte Bau von Eigentumswohnungen für reiche Rentner funktioniert nicht. Die müssten ihre teuren Wohnungen ja bar bezahlen, da sie auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters keine Kredite von den Banken mehr erhalten. Für das S21 Areal bietet sich allenfalls eine Bebauung mit Nullenergie Sozialwohnungen an, damit man wenigstens die Heizkosten sparen kann. Aber auch da ist Freiburg schon vorn! Dort wurde der Verkauf von Sozialwohnungen durch die Stadt per Bürgerentscheid gestoppt und die Kosten für die Mieter durch Energie sparende Massnahmen reduziert.

Siehe auch: Neue Arbeitsplätze auf dem Flugfeld Böblingen/Sindelfingen (80 Hektar)

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