Mythos Eisenbahn – zurück ins 19. Jahrhundert

Die Eisenbahn war im 19. Jahrhundert die wichtigste Infrastruktur für den Aufbau der modernen Industriegesellschaft. Ohne Eisenbahnanschluss konnten sich Städte und Gemeinden nicht entwickeln. Für den Bau von Eisenbahnstrecken waren hohe Investitionen notwendig, die zunächst von privaten Investoren und später von Staat erbracht wurden. Dabei spielte die Eisenbahn als Infrastruktur für die Kriegführung zuerst in USA und dann auch in Europa bei der Schlacht in Königgrätz 1866 eine wesentliche Rolle. Die russische Staatsbahn wurde mit einer speziellen Spurweite für die Gleise gebaut damit die Feinde ihre Truppen und ihre Ausrüstung nicht einfach mit dem Zug gen Osten schicken konnten! Bahnhöfe wurden aus militärstrategischen Gründen gerne weit ausserhalb der Ortschaften gebaut, damit die Orte bei einem Bombenangriff auf die kriegswichtige Infrastruktur verschont bleiben. Die Eisenbahnfinanzierung durch private Investoren führte aber auch zu Finanzbetrügereien und hoher Staatsverschuldung. So wurden von einer Finanzierungsgesellschaft sogar Aktien für eine Eisenbahn zum Mond verkauft. Ähnlichkeiten mit der jetzigen Finanzkrise sind nur zufällig.

Aus der wichtigen Rolle der Eisenbahnen im 19.  und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird von konservativen Politikern aber auch progressiven Grünen geschlossen, dass die Eisenbahn auch heute und in Zukunft eine wichtige Rolle im Personenverkehr spielen müsse. Die realen Zahlen zeigen aber deutlich andere Tatsachen. Das statistische Bundesamt Deutschland erfasst den Individualverkehr recht gut. Gezählt werden z.B. die Zahl der Personen, die jeweils ein Beförderungmittel für eine Reise nutzen.

Im Jahr 2008 wurden laut DE Statis die wichtigsten Verkehrssysteme wie folgt genutzt

ÖPNV                                                  9 Milliarden Personen      (Nahverkehr, Busse, Bahnen)
Eisenbahnen                                       2,4 Milliarden Personen
Motorisierter Individualverkehr   55 Milliarden Personen

Dies entspricht sicher auch der gefühlten Nutzung der Verkehrssysteme durch die Bürger. Das hauptsächliche Feld der Bahn ist heute der öffentliche Personennahverkehr in den Ballungszentren. Hier sind die Züge (und Busse) im Berufs- und Schülerverkehr voll besetzt während die Regionalzüge auf den Mittelstrecken notorisch leer bleiben. Klassische Bahnfahrten über mittlere und längere Strecken spielen gegenüber dem motorisierten Individualverkehr eine nur untergeordnete Rolle.

Nun wird von Verkehrspolitikern und grünen Idealisten der Ausbau des Bahnschnellverkehrs in Deutschland gefordert. Dabei wird gern auf das erfolgreiche TGV System in Frankreich verwiesen. Dabei wird aber übersehen, dass

  • Frankreich schon immer ein zentralistischer Staat mit Paris als Zentrum war. Dort sind nicht nur viele staatliche Stellen sondern auch viele Zentralen der Privatfirmen ansässig. Viele Pariser haben noch immer ihre Wurzel in den eher ländlichen Gebieten in der Peripherie, sodass auch viele Privatreisen von Paris ausgehen. In der Metropolregion Paris leben 11 Millionen Menschen, die durch einen guten ÖPNV an die Bahnhöfe der Schnellbahnen angebunden sind.
  • Das flache Land ist in Frankreich meist dünn besiedelt, sodaß  Schnellbahntrassen, die hermetisch abgeriegelt sind, gebaut werden können. Nur dadurch und durch eine geringe Zahl von Durchgangshaltestellen an der Peripherie der Städte kann ein Hochgeschwindigkeitsnetz mit hoher Zuverlässigkeit realisiert werden.
  • Der motorisierte Individualverkehr wird auf größeren Strecken durch eine hohe Maut auf den Autobahnen verteuert.
  • Durchgangsbahnhöfe werden meist am Rande der größeren Städte mit vielen Parkplätzen errichtet. Dadurch wird das Umsteigen vom Auto auf die Bahn bei längeren Strecken komfortabel.

Alle diese Voraussetzungen sind in Deutschland nicht gegeben und können wahrscheinlich auch nicht geschaffen werden. Dazu kommt, dass die Mobilität der alternden Bevölkerung abgesehen von den ersten Jahren nach der Pensionierung stark abnehmen wird. Die Träume, dass mit wenigen schnellen Bahnstrecken signifikant Verkehr vom Automobil auf die Bahn verlagert werden kann, sind damit sicher Tagträume.  Will man ökologische Verbesserungen zum Beispiel eine Verringerung des CO2 Ausstoßes bei der Personenbeförderung, so erreicht man durch Verbesserung der Effizienz der Automotoren Hybridmotoren a la Toyota Prius), Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen, Besteuerung von Flugbenzin und Verringerung der Zahl der Reisen durch moderne IT Infrastruktur wesentlich höhere Einsparungen mit viel geringerem Kapitaleinsatz als mit Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes der Eisenbahn. In Zeiten klammer Kassen sollte das eigentlich ein überzeugendes Argument sein. Aber Tagträumen ist eben einfacher als Rechnen.

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